Zehn Sommer: 1990

Italien 08.06. – 08.07.1990

Das war meine WM! Mauerfall und Wiedervereinigung waren lahme Randerscheinungen. Ich habe das Turnier so richtig in mich aufgesogen und war vier Wochen lang kaum ansprechbar. Schon das Eröffnungsspiel hat mich völlig in seinen Bann gezogen. Der amtierende Weltmeister Argentinien trat mit dem Überstar Maradona gegen Kamerun an. Kamerun war drei Monate vorher beim Afrikacup bereits in der Vorrunde ausgeschieden. Bei ihrer ersten WM Teilnahme 1982 haben sie zwar schon mal aufhorchen lassen, als sie ohne Niederlage ausschieden, aber für das erste Match der WM 1990 war ihnen trotzdem nicht mehr als die Statistenrolle zugedacht.

Mit großem Willen und einiger mitunter übertriebener Härte bezwangen sie aber den Weltmeister und die Medien drehten durch. Im weiteren Verlauf des Turniers wurde der ganze Erfolg Kameruns an Roger Milla festgemacht, der alle faszinierte. Ständig wurde die Geschichte wiederholt, der Staatspräsident Kameruns persönlich hätte seine Nominierung erzwungen und man wisse gar nicht so genau wie alt er eigentlich wäre. Im Nachhinein betrachtet hatte das alles auch eine nicht zu unterschätzende rassistische Note. Die Kameruner flogen dann erst im Viertelfinale unglücklich gegen England raus und die Fußballwelt war sich einig, dass man sich schon recht bald auf einen afrikanischen Weltmeister einstellen müsse. Tja, so kann man sich irren.

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Den großartigen Roger Milla habe ich dann 2007 am Rande des BV 04 Osterturniers getroffen und ihm für die tollen Auftritte 1990 gedankt.

Die deutsche Mannschaft konnte mal mehr (JUG, NED) mal weniger (COL, TCH)  glänzen und stand zum dritten mal in Folge im Halbfinale. Am Morgen vor dem großen Spiel gegen England klingelte es und ein Paketbote schleppte zwei große Kartons und zwei Kisten Bier an. Ich konnte mir da zunächst gar keinen Reim drauf machen, erst das Begleitschreiben machte mich schlauer. Ich hatte bei einem Preisausschreiben gewonnen! So wurde ich also mit 40 Flaschen König Pilsener nebst KöPi-Merchandise und zwei Kartons voll mit diversen Leckereien aus dem Hause Funny Frisch beschenkt. Über einen Sportwagen oder ein Traumhaus hätte ich mich kaum mehr freuen können!

Pünktlich zum Final-Wochenende entschwand der Rest meiner Familie zum Urlaub an die Ostsee und so kam es, dass ich zum Endspiel sturmfreie Bude hatte. Da ich aber vorhatte, die Wohnung in etwa in dem Zustand wieder in die elterlichen Hände zu übergeben, in dem ich sie übernommen hatte, verzichtete ich auf weitläufigere Einladungen. Nur Freund Bernhard hatte sich einfach mal selbst eingeladen. Er interessierte sich zwar eigentlich nicht besonders für Fußball, nahm aber gerne jede Gelegenheit wahr um in epischer Breite über neue Filme oder Platten zu referieren. Wir wollten den Abend italienisch begehen und holten uns darum eine Pizza von Romagna auf der Rossstraße (Spinat mit doppelt Käse!) und eine Flasche Rotwein. Das Endspiel war eigentlich fürchterlich langweilig und von mieser Qualität. Als Andreas Brehme dann aber neun Minuten vor Schluss den Elfmeter versenkt hatte, war das schnell vergessen. Wir schnappten uns unsere Fahrräder und fuhren zur Heinrich-Heine-Alle um uns das bunte Treiben dort anzuschauen.  Bernhard fand das alles schrecklich prollig und peinlich und nach 24 Jahren muss ich ihm endlich zustimmen. Zumal es ja noch viel schlimmer wurde. Das Bild des vollgepissten Deutschen im Trikot, der den Arm zum Hitlergruß erhebt, ist ja geradezu ikonisch geworden. Franz Beckenbauer erklärte die zukünftige großdeutsche Nationalmannschaft für unbesiegbar und nicht viel später brannten Asylantenheime. Vielleicht hätten wir das Endspiel doch lieber verlieren sollen.

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